Vladimir Vertlib
Tragische Geschichten mit Humor gewürzt
Aspach Die Lesereihe "Fremd sein...", die vom Kunstverein Aspach und Professor Pröpstls Puppentheater präsentiert wird, findet immer größeren Anklang. Im gut gefüllten ehemaligen Löwen in Großaspach zog der Autor Vladimir Vertlib das Publikum mit Auszügen aus seinen Romanen "Zwischenstationen", "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" und "Letzter Wunsch" in seinen Bann.
Der in der UdSSR geborene Vladimir Vertlib ist nun schon der sechste Adelbert-von-Chamisso-Preisträger, der in Professor Pröpstls Puppentheater präsentiert wurde. Der Literaturpreis wird von der Robert-Bosch-Stiftung an deutschsprachige Autoren verliehen, die mit einer anderen Sprache aufgewachsen sind. "Die Einwanderer bereichern und verändern die deutsche Literatur", sagte Frank Albers von der Robert-Bosch-Stiftung, der an diesem Abend die Einführungsrede hielt. Albers informierte über den Chamisso-Preis und stellte den Autor vor.
Der heute in Salzburg lebende Vladimir Vertlib wurde 1966 in Leningrad geboren. Im Alter von fünf Jahren emigrierte er mit seiner jüdischen Familie nach Israel. 1972 siedelte die Familie nach Österreich über. Weitere Stationen der Emigration waren die Niederlande, Italien und die USA, bis sich die Familie schließlich endgültig in Österreich niederließ. Vertlib hat das Fremdsein von Kindheit an kennen gelernt. In seinem Roman "Zwischenstationen" reflektiert er die eigene Lebensodyssee, getrieben von einem Vater, der immer auf der Suche nach einem idealen Land war. Es sind fiktive, aber autobiographisch beeinflusste Geschichten über Stationen der Emigration.
Der Ausschnitt, den er bei der Lesung vorträgt, handelt von einer russisch-jüdischen Familie, die nach Wien übersiedelt. Die Mutter, die Physik und Mathematik studiert hat, bekommt zunächst eine Stelle als Putzfrau in einer Versicherungsgesellschaft. Den sechsjährigen Sohn, für den sie Nachmittags keine Betreuung hat, muss sie zur Arbeit mitnehmen. Mit viel Ironie beschreibt der Autor aus der Sicht des Jungen, wie er diese Aufenthalte in dem Versicherungsgebäude erlebt. Da gibt es nicht nur unter dem Büropersonal eine klare Hierarchie, sondern auch in der Putzkolonne. Ebenso wie es einen Herrn Doktor oder Herrn Prokurist gibt, der übrigens vom Personal "Großschädling" genannt wird, lässt sich die Leiterin der Putztruppe mit "Frau Chefputzfrau" anreden. Eigentlich ist sie Österreicherin, aber mit ihren ausländischen Untergebenen spricht sie in gebrochenem
Deutsch: "Kind darf hier nicht bleiben, Kind muss weg." Die Kunst des Autors ist es, den beschwerlichen Alltag der Emigranten auf liebenswürdige, humorvolle Weise zu erzählen. 
In dem Roman "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" beschreibt die über 90-jährige Protagonistin ihre Lebensgeschichte. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, die Zeit der Revolution, den Weltkrieg und den Terror der Stalinzeit. Grundlage für den Roman waren die Erzählungen seiner Großmutter, die in Leningrad geblieben ist und seine Familie Ende der 80er Jahre besuchte, verrät der Autor. Vertlib nahm Audiokassetten von ihren Berichten auf, die er erst 10 Jahre später als Grundlage für einen Roman benutzte. Es handelt sich bei dem Buch um fiktive Geschichten mit realem Fundament, so der Autor. Vertlib trägt eine Passage vor, die von Rosas Problemen mit ihrem Sohn handelt. Der Junge ist frech, bekommt Schreianfälle und weigert sich schließlich zu essen. In ihrer Verzweiflung konsultiert die Mutter einen Kinderarzt, der merkwürdige Fragen stellt und schließlich eine Hexe, die ein Gleichnis zu erzählen weiß. Gekonnt arbeitet der Autor in diesem Textausschnitt mit Symbolen, durch die deutlich wird, wo die Ursache der Probleme des Jungen wirklich liegen.
In seinem jüngsten Roman "Der letzte Wunsch" setzt sich Vertlib mit seiner jüdischen Identität und dem Antisemitismus in Österreich auseinander. In der Leseprobe, die von einer Auseinandersetzung auf dem Wiener Westbahnhof handelt, klagt er nicht an, sondern erzählt die Begebenheit auf äußerst humorvolle Weise.
Vladimir Vertlib, der auch an Schulen las - bei seinem Besuch im Beruflichen Schulzentrum in Backnang waren rund 100 Schüler bei der Lesung - bot dem Publikum Textausschnitte zum Nachdenken und zum Schmunzeln - ein Autor, dem es gelingt, tragische Geschichten auf ironische und humorvolle Weise zu erzählen.
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