Stationen der Emigration mitreißend beschrieben
Aspach. Zum letzten Mal vor der Sommerpause präsentierten Professor Pröpstls Puppentheater und der Kunstverein im einstigen "Löwen" eine Lesung in der Reihe "Fremd sein...". Der in Rumänien geborene und in Zürich lebende Autor Catalin Dorian Florescu trug Ausschnitte aus seinen Romanen "Wunderzeit" und "Der kurze Weg nach Hause" vor.
Autorenlesung, das bedeutet ja eigentlich, dass ein Schriftsteller aus seinem Werk vorliest. Bei dem siebten Adelbertvon-Chamisso-Preisträger, der in Großaspach präsentiert wurde, ist das eigentlich nicht der Fall. Florescu liest nicht, er trägt seine Geschichten nahezu auswendig vor. Ständig den Blickkontakt mit dem Publikum haltend, schaut er nur hin und wieder kurz auf die Seiten seines Buches. Und er kann das Publikum mitreißen. Er ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler.
Seine Romane handeln vom Alltag der Menschen in Rumänien, aber auch vom Fremdsein, von Stationen der Emigration. Die Bücher sind autobiographisch geprägt. Natürlich ist nicht alles so passiert. "Das Schreiben ist ein Sich-Erinnern, Erweitern und gekonnt Lügen", formuliert es der Autor. Der 1967 in Rumänien Geborene reiste 1976 erstmals mit seinen Eltern nach Italien und Amerika aus. Acht Monate später kehrte die Familie freiwillig wieder in die Heimat zurück, sie hatte die erwartete große Freiheit in den westlichen Ländern nicht gefunden. 1982 emigrierte die Familie schließlich endgültig in die Schweiz.
In seinem Romandebüt "Wunderzeit" erzählt Florescu Ereignisse aus dem rumänischen Alltag unter Ceausescu aus der Perspektive des 15-jährigen Alin. Er klagt nicht an, sondern beschreibt die Begebenheiten mit erfrischender Leichtigkeit und Humor. "Wunderzeiten waren möglich", so der Autor. An der rumänischen Grenze, bei der Ausreise, erinnert sich Alin an seine Kindheit, die Schulzeit, die Beziehung seiner Eltern, in der es keine Liebe gab, und an den Fernseher, der die Farben ins Haus brachte. Der Roman erzählt auch von Stationen der Emigration, vom Leben in Rom, Alins erster Schwärmerei und von der harten Realität in Brooklyn. Der Autor beschreibt den schweren Alltag der Emigranten mit lebendiger Sprache, skurrile Begebenheiten mit Humor und Ironie.
Ganz anders von Thematik und Stimmung ist sein Roman "Der kurze Weg nach Hause." Zwei Freunde, beide Söhne von Emigranten, begeben sich auf eine Reise in den Osten. Die Fahrt führt sie von Zürich über Budapest nach Rumänien. In diesem Buch beschreibt der Autor eine düstere, abstoßende Realität. Ungepflegte Frauen mit nassen Achselhaaren, Männer mit roten geplatzten Äderchen im Gesicht, die sich voll laufen lassen. "Aus jeder Wohnung kommt ein anderer Fluch."
Einen Tag, nachdem sein erster Roman "Wunderzeit" fertig gestellt war, begann der Autor an seinem zweiten Roman "Der kurze Weg nach Hause" zu arbeiten, berichtet er. Er schreibt seine Werke, mit Kugelschreiber und Papier ausgerüstet, in Kaffeehäusern. "Ich brauchte einen Grund, am nächsten Tag wieder Kaffee trinken zu gehen", meint er augenzwinkernd. "Wunderzeit" wurde inzwischen auch in Rumänisch übersetzt. Ob er das selbst gemacht hat, wird er gefragt. "Übersetzen ist Arbeit", antwortet er schelmisch grinsend. "Ich bin Schriftsteller."
Florescu trug seine Geschichten auch in der Schickhardt-Realschule und der MaxEyth-Realschule in Backnang vor.
Backnanger Kreiszeitung vom 24.06.2005
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