Professor Pröpstls Puppen pöbeln gegen Punks
Gregor Oehmann macht im ehemaligen Löwen in Großaspach Kaspertheater für jedermann - außer für den Onkel Otto
ASPACH. Wer Kaspertheater für eine angestaubte Sache für kleine Kinder hält, hat sich schon sehr lange kein Stück mehr angesehen. Professor Pröpstls Puppenbühne in Großaspach beispielsweise präsentiert kesse Märchensoaps mit vertrautem Personal.
Ja, es sind alle da: Kasperl und Sepp, Prinzessin und König, Räuber und Gendarm, Zauberer und Hexe, auch der Teufel und das Krokodil. Diese klassische Besetzung wird in Professor Pröpstls Theater noch durch ein paar schräge Vögel ergänzt - einen näselnden Schnöselprinzen, einen Punker und einen Arsch-mit-Ohren, der sich aber nur in dringenden Ausnahmefällen auf der Bühne präsentieren darf.
Jede dieser Figuren hat ihr ganz eigenes, bizarres Charisma. Gregor Oehmann, der sie alle aus Pappmaché gedrechselt und eingekleidet hat, verleiht jeder seine Stimme und einen leicht ironischen Knick. Jede für sich ist ein kleines Kunstwerk. Etwa das gefräßige Krokodil, das auf den kapriziösen Namen Chantal hört und einen auf Etepetete macht. Oehmann gibt dem zimperlichen Vieh obendrein noch eine piepsige Stimme. Richtig maliziös wirkt es jedenfalls nicht. "Ich könnte es nicht ertragen, wenn die Kinder in der Vorstellung aus Angst weinen", gesteht der Puppenspieler.
Ansonsten wird dem Publikum allerhand zugemutet - eine ranzige Großmutter, die mit Schmackes in die Saiten einer Elektroklampfe greift, dass die Deko von der Wand rutscht, ein seifengrünlicher Prinzgemahl, dem vor der Prinzessin schauert und ein verzagter Zauberer mit dem wenig glamourösen Namen Gottlieb Wurst. Die Figuren spuren nicht so, wie man das erwartet und nur ein taffer Moderator vom Schlage Stefan Raabs kann diesen Haufen bändigen: das Kasperle. Oehmanns Pappmaché-Ensemble hat eine Soap-Dusche genommen.
Seit vier Jahren hat die Truppe ein festes Zuhause - das ehemalige Gasthaus Löwen an der Hauptstraße von Großaspach. Als die Wirtsleute dichtmachten, übernahm Oehmann. Vor gut zehn Jahren hat der Bildhauer mit dem Puppenspiel begonnen. Professor Pröpstls Theater hat sich inzwischen im Dorf etabliert. Eigentlich hätte Oehmann nach zwei Jahren wieder aus dem Löwen ausziehen sollen, weil die Gemeinde das Gebäude abreißen und dort eine Bücherei errichten wollte. Aber jetzt fehlt das Geld, und der Puppenmann darf bis auf Weiteres für einen sehr kulanten Mietbetrag bleiben.
An den Wochenenden sind Aufführungen - am Nachmittag für Kinder, am Abend für Erwachsene. Außerdem ist Oehmann mit seinen Pappmachékameraden auch viel auf Tour. Gelegentlich spielt er vor sehr speziellem Publikum. Im vergangenen Jahr ist er beispielsweise in Stuttgart beim Zehn-Jahr-Jubiläum von Werthers Schlechte vor 400 Punks aufgetreten. Nicht gerade das klassische Publikum für Kaspertheater. Aber der Kasperl wurde von dem rustikalen Publikum auch gleich ausgemustert. "Der war denen zu sehr Establishment." Statt seiner kam Grubel der Punk zum Zug. Besonders gut angekommen seien die derben - nicht zitierfähigen - Publikumsbeschimpfungen, erinnert sich Oehmann. Die wild zurechtgemachten Kerle hätten brav dagehockt und sich die Tiraden der Großmutter angehört.
Oehmann kommt auch auf Bestellung - zu Firmenfeiern, Geburtstagen, Hochzeiten und Scheidungen. Zu letzterem Anlass wurden seine Dienste bislang jedoch noch nicht in Anspruch genommen. Bei all diesen eher intimeren Vorstellungen lässt sich Oehmann ein paar Infos geben zu den Jubilaren, zum Publikum. Deren Marotten und Eigenarten werden dann elegant in die Inszenierung eingeflochten und sorgen in aller Regel für allgemeine Heiterkeit.
Natürlich gibt’s auch Ausnahmen. Onkel Otto (Name von der Redaktion geändert) war so eine. Der ältere Herr am Gehstock mit Silberknauf konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihn die Nichten und Neffen mit "Otto" statt mit "Onkel Otto" ansprachen. Diese Marotte, wünschten die Gastgeber, solle der Puppenspieler behutsam auf die Schippe nehmen. Oehmanns feinfühlige Aufführung hinterließ bei Otto einen bleibenden Eindruck. Wie dem Puppenspieler später zugetragen wurde, soll der Onkel seither jeglichen Kontakt zur Familie abgebrochen haben. Ein sicher schmerzlicher Verlust für die Angehörigen...
Die meisten der insgesamt zwölf Stücke in Oehmanns Repertoire stammen aus der Feder seines Bruders Richie, der in München seinerseits eine Puppenbühne bespielt. Im Gegenzug fertigt der Bildhauerbruder die Puppen für "Doktor Döblingers Kasperltheater" zu München. Auf dem aktuellen Spielplan in Großaspach steht "Kasperl und die Tomatenprinzessin". Die liebreizende Prinzessin wird darin in eine ordinäre Ketchupflasche verwandelt. Der tumbe Seppl wittert nun die Chance, sich als Held zu qualifizieren und auf diese Weise das Herz der Prinzessin wiederzugewinnen. Denn diese hatte sich just vor ihrer unvorteilhaften Verwandlung vom Seppl separiert: "Weißt, ich brauch’ einfach ein bisschen Abstand..."
Stuttgarter Zeitung vom 18.05.2005
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