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Gealbert wird mit Niveau und hintersinnigem Witz

Alte Liebe rostet nicht. Die Liebe zum Kasperltheater beispielsweise hält ein ganzes Leben lang.

Das erklärt, warum sich in Professor Pröpstls Puppentheater 80 erwachsene Zuschauer hemmungslos dem Kasperlvergnügen der Bühne Doctor Döblinger hingeben. Sie lachen über Kasperls freche Klappe, schreien "Obacht", wenn Gefahr droht, und warten sehnsüchtig darauf, dass endlich das böse, böse Krokodil auftaucht.
Was ist passiert? Erwachsene lassen sich zu disziplinierter Extase hinreißen und tun plötzlich sehr seltsame Dinge: Patrick spielt das Kind, das immer, wenn sich der Vorhang schließt, ängstlich und mit verzagter Stimme fragt: "Is jetzt aus?" Peter hält bis zur Pause den Hammer fest, mit dem versehentlich die Großmutter k.o. geschlagen wird, weshalb Seppl höchst beunruhigt die berechtigte Frage stellt: "Und wer macht uns jetzt unseren Schweinebraten?" Und Eva bekommt vom Puppenspieler das Manuskript in die Hand gedrückt, aus dem sie hin und wieder vorliest. Die kindgebliebenen oder an diesem Abend wieder kindgewordenen Erwachsenen sind gut drauf, machen jeden Blödsinn mit, wenn auch nicht ganz aus freien Stücken. Sie werden von den Puppenspielern Richard Oehmann und Josef Parzefall im Vorspann von "Großmütterchens Höllenfahrt oder Gott eiert" in die Show eingebunden, werden auf amüsante Weise infantilisiert, damit sie den herzerfrischenden Klamauk tatkräftig unterstützen.

Josef Parzefall und Richard Oehmann

Eine heimelige Drucketse herrscht in der zum Theater umfunktionierten Gaststube, die Sitzreihen stehen eng gedrängt vor der Guckkastenbühne, die KasperlMelodie stimmt als dudelnde TechnoDance-Version musikalisch ein fehlt eigentlich nur noch, dass sich die Zuschauer Daumen lutschend an ihren Kuscheltieren festhalten. Der bayrische Dialekt der aus Weilheim in Oberbayern stammenden und mittlerweile in München ansässigen Puppenspieler macht alles gleich noch ein Stück gemütlicher und von der Aufmachung und den Figuren her ist es tatsächlich ein bisschen wie früher. Aber eben auch nur ein bisschen. Hinter dem Schabernack, den Kasperl, Seppl, der Polizist und alle anderen Lieblinge aus längst vergangenen Kindertagen treiben, stecken intelligenter Wortwitz und eine immer wieder verblüffende Dialogtechnik, bei der zwei Puppenspieler in über 20 Rollen schlüpfen und jeder Figur typische Gebärden und eine charakteristische Art des Sprechens verleihen.
Im Städtchen Hinterwieselharing geht nichts mehr mit rechten Dingen zu: Sämtliche Verlobte der lieblichen Prinzessin werden Opfer dubioser und ziemlich lästiger Sprengstoffattentäter. Im Ort wimmelt es von Großindustriellen und Kegelbahnbesitzern, Ermäßigungsschnorrern wie Studenten, Senioren oder Schwaben, Dessert-Diskriminierung und Süßspeisen-Gewäsch. Für Aufregung sorgen Kasperl, der ruchlose Blender, der Seppl mit seinem depressiven Ich, der gesäßgesichtige Pfarrer Schmarzlapp, der über "genug Sitzfleisch" verfügt, um seine "Verrichtungen" zu tun. Leidtragende sind der böse Zauberer Wurst sowie der völlig überarbeitete Tod, der als allegorischer Müllmann für das seelische Gleichgewicht zuständig ist.

Während der Vorstellung informiert, auch wenn der Vorhang mal geschlossen ist, Welle Wurst, der aktuelle Radiosender, über den Verlauf der Handlung. Die Frage, ob Handpuppen auch in die Hölle kommen, kann jedoch auch er nicht abschließend beantworten. Es sei gut zu wissen, wo der Hammer hängt, sagt Kasperl zum Peter im Publikum, als er ihm den Hammer aushändigt. Der Pudding wird sauer und bekommt eine Haut, in der der Neffe des bösen Zauberers nicht stecken möchte. König Kurt reimt und ist Namensgeber einer Biersorte, die wie der Ort Hinterpieselharing "nur im Vollrausch" zu ertragen ist. Nach einer halben Stunde kommt endlich das Krokodil ins Spiel, als Sekretärin und Vorzimmerdrache Chantal, die ausdrücklich betont: "Ich bin kein Reptil für eine Nacht." Gealbert wird mit Niveau und hintersinnigem Humor, die Geschichte ist zwar ganz schön durchgeknallt, trägt aber mitunter kabarettistische Züge. "Die Erwachsenenstücke sind speziell auf die Sehgewohnheiten und Sprache dieser Altersgruppe zugeschnitten", vermeldet augenzwinkernd der Pressetext. Wie auch, dass sie "pädagogisch völlig wertfrei" sind. Ein Segen, dass trotzdem wie es sich für eine moralisch gute Kasperlstory gehört alles Schlechte zum Schluss erschlagen wird. Eine Kasperlgeschichte ohne Happy End wäre auch wirklich zu viel des Guten sogar für Erwachsene.

Backnanger Kreiszeitung vom 26.10.2004

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