Rastlose, jazzige Klangfelder zum Austoben
Großaspach "Wer jetzt noch nicht da ist, passt eh nicht mehr rein", bringt der Kassierer den Heimeligkeits-Höchststand in Professor Pröpstls Puppentheater auf den Punkt. Einige Besucher klatschen auffordernd: "Fangt mal langsam an," soll es wohl bedeuten.
Doch was ist das? Die Tür geht ein weiteres Mal auf und vier weitere in Schals und Mützen vermummte Personen schlängeln sich durch die drangvolle Enge. Es sind die Musiker, auf die alle warten: Daniel Nösig, Renato Chicco, Christian Salfellner und Johannes Enders.
Wer noch zur Runde dazu stoßen will, findet höchstens mit gutem Zureden einen Sitzplatz oder muss sich einen engen, urigen Stehplatz am Tresen erlächeln. Kaum haben sich die vier Nachzügler hinter ihre Instrumente gemogelt, klingt satter, gut gelaunter, aufwärmender angeswingter Big-Band-Sound an. Das Warten hat sich gelohnt. Die Zuhörer erleben einen gepflegten Auftritt und ein sauberes Zusammenspiel von musikalischer Reinheit. Das Repertoire orientiert sich an den Altvorderen, wird aber um raffinierte BoogalooGrooves erweitert, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen oder mit Fusionjazz-Sequenzen veredelt sind, die in keine Schublade passen.
Zum akustischen Gesamteindruck steuern auch andere zeitgemäße Strömungen ihren Teil bei: Latin, Soul, Funkjazz, die Sounds der Ü30-Jazzgemeinde. Daniel Nösig überzeugt mit einem selbstbewussten altersweisen Trompeten-Ton, obgleich er mit seinen 30 Jahren für Jazz-Verhältnisse noch auf dem Seerosenblatt schwimmt. Dazu das wohlige Timbre von Renato Chiccos Hammond-Orgel, urplötzliche Groove-Attacken von Drummer Christian Salfellner und die stilsichere individuelle Tonbildung von Johannes Enders. Fehlt nur noch eine cremige Frauenstimme, denkt man spontan, den gewohnten Kategorien gehorchend.

Dass es ohne singende Begleitung nicht nur klasse funktioniert, sondern eine völlig neue Sound-Ästhetik entsteht, demonstriert der als "einer der großen europäischen Stimmen des Jazz auf dem Tenorsaxophon" gekürte Johannes Enders. Ganz und gar perfekt, wie er sein Instrument singen lässt, feinfühlig mit weichen warmen Tönen spielt, jeden rauchigen Ton genussvoll in die Länge zieht und das Instrument als erlesene Gesangsstimme groß raus bringt. Rhythmus-Chef Salfellner überrascht mit Vitalität, synkopischen Umdrehungen und Unregelmäßigkeiten. Vier Jazzgrößen, keine Flegel des Modern-Jazz. Die wissen, dass das Gute in der Musik liegt: Ihre Größe besteht darin, sich selbst klein zu machen und die Musik in den Vordergrund zu stellen. Kein Aktionismus, keine Posen, wenig Songansagen. Sehr entspannt und locker lässt sich die Atmosphäre an.
Ein straffer Rhythmus bugsiert die Anwesenden durch den jazzy, groovy Abend und bringt den Raum zum Mitschwoofen. Ein Abend der Connaisseurs, Neulinge und Quereinsteiger der jazzigen Künste gleichermaßen begeistert. Mit reichlich Platz fürs obligate Improvisieren, bei dem das deutsch-österreichische Quartett erneut von alten Vorbildern abrückt. Fetzige Bläsersets klingen gebändigt, prickelnde solistische Eskapaden wirken aufgeräumt und reduziert, das Call-and-Response-Spiel kommt leise daher. Statt sich auf der Suche nach dem noch nie Gehörten zu verkünsteln, wahren die Ausnahmekünstler bei Professor Pröpstl den Blick auf alte Werte und kreieren dennoch Zeitgemäßes: Rastlose, wabernde, jazzige Klangfelder zum Austoben.
Backnanger Kreiszeitung vom 08.02.2006
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