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Ein Autor auf der Suche nach dem Lebenssinn

Aspach Professor Pröpstls Puppentheater in Großaspach bot eine literarische Besonderheit. Die junge Schauspielerin Anna Katharina Schmidt bestritt im ehemaligen Löwen einen lehrreichen Abend der Erinnerung an den von ihr verehrten russischen Dichter Anton P. Tschechow.

Anna Katharina Schmidt zieht ihr Publikum mit ihrem literarischen Portrait von Anton P. Tschechow innerhalb weniger Sekunden in ihren Bann. Bücher braucht sie dazu nicht, nur kleine Karteikärtchen dienen ihr als Gedächtnisstütze. Am Ende des Abends ist einem der russische Arzt und Schriftsteller vertraut wie ein alter Freund. Sie beginnt mit seinem Tod, denn in seiner Art zu sterben, so Schmidt, begreife man alles über Tschechow. Sie rezitiert die Erinnerungen seiner Frau Olga Knippers an den Todestag, gerade so, als wäre sie selbst dabei gewesen. Lebhaft, fröhlich, dann panisch, entsetzt, traurig. Tränen schimmern in ihren Augen, als der von ihr so verehrte Tschechow stirbt.

Das Publikum hängt an ihren Lippen, taucht mit ihr mühsam wieder aus den Geschehnissen des 15. Juli 1904 auf. Schmidt möchte erzählen, "wie einer so geworden ist, der so sterben konnte". Dazu bedient sie sich der Selbstzeugnisse und Erzählungen Tschechows, persönlicher Briefe, aber auch der Erinnerungen von Freunden und Familie. Besonderen dokumentarischen Wert misst sie den erst 2004 auf Deutsch veröffentlichten Erinnerungen Lydia Awilowas bei, einer russischen Autorin, die Tschechow zehn Jahre unerfüllt liebte.

Schmidt wechselt zwischen Textsequenzen, die sie wiedergibt, als hätte sie jede Szene selbst erlebt, und präzisen, inhaltlich fast wissenschaftlichen Analysen seiner Texte. Diese formuliert sie so, als ob auch diese Zeilen von Tschechow oder seinen Zeitgenossen stammten. Nur wenige Sekunden der Besinnung braucht Anna Katharina Schmidt, um komplett in die darzustellenden Figuren einzutauchen oder wieder aus der Welt Tschechows zurückzukehren. Dabei macht es keinen Unterschied, ob der Protagonist weiblich, männlich, alt oder jung ist.

Sie beleuchtet lebhaft die Lebensumstände im monarchistischen Russland in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts, einer unsicheren Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche und großer geistiger Freiheit. Wirtschaftliche Not, Orientierungslosigkeit durch Aufhebung der sozialen Ordnung, fehlender moralischer Halt und als Folge eine hohe Kriminalitätsrate prägen das Leben. In dieser Zeit wird Tschechow als Enkel eines Leibeigenen und Sohn eines bigotten, despotischen Vaters in Südrussland geboren. Er hat eine harte, arbeitsreiche Kindheit, wird zum Verfechter der persönlichen Freiheit und ertrotzt sich Schulbildung und Studium, schleicht sich heimlich in verbotene Theateraufführungen. Tagsüber studiert er Medizin, nachts schreibt er für den Lebensunterhalt der Familie. Beide Berufe übt er auch später parallel aus. Anzeichen einer schweren, unheilbaren Tuberkuloseerkrankung treten bereits im Alter von 24 Jahren auf. Er selbst und ein Bruder werden daran sterben, die Krankheit wird ihn zur Aufgabe des geliebten Arztbesuches zwingen.

Tschechows Werke handeln meist von Menschen auf der Suche nach ihrem Glück, nach einem sinnvollen und moralisch wertvollen Leben. Bald ist er ein bekannter und preisgekrönter Autor, denn in Russland gilt die Literatur zu dieser Zeit als maßgebliches Medium für Sinnfragen. Ob er selbst dieses hohe Ziel erreicht hat, bleibt dahingestellt.

Schmidt gestaltet nicht nur literarische Abende, sondern ist auch als Theaterschauspielerin erfolgreich. Derzeit ist sie am Alten Schauspielhaus Stuttgart als Laura in der "Glasmenagerie" von Tennessee Williams zu sehen. Ihre intensive Auseinandersetzung mit Tschechow beschreibt sie als eine Art Liebesgeschichte, sie verehrt ihn als humorvollen und menschlichen Autoren, den sie auch deshalb so interessant findet, weil die Jugend heute vergleichbar unsichere Zeiten erlebt.

Backnanger Kreiszeitung vom 08.12.2005

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