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Adel Karasholi
In Deutschland kann man von Lyrik nicht leben
Backnang "Gerade die Vielfältigkeit macht die Welt so bunt und interessant." Der 1936 in Syrien geborene und heute in Leipzig lebende Autor Adel Karasholi las im Beruflichen Schulzentrum Backnang aus seinen Gedichtbänden und vermittelte den Schülern interessante Einblicke in seine bewegte Biographie.
Schon als 15-Jähriger veröffentlichte Adel Karasholi in seiner Heimatstadt Damaskus sein erstes Gedicht ein Liebesgedicht in arabischer Sprache. "Ich bin nur ein Kind / das liebt", heißt es in der deutschen Fassung. Mit 21 wurde er das jüngste Mitglied des Arabischen Schriftstellerverbandes. Nach dem Verbot 1959 flüchtete der Lyriker in den Libanon ins Exil. "Wo ist Dada" heißt ein Gedicht, das er in dieser Zeit für seine 5-jährige Schwester schrieb, die seine Mutter nach dem großen Bruder fragte. Schmerz und Heimweh klingen aus den Worten. "Dein Bruder schreibt mit Blut das Gedicht aus dem Exil." Karasholi trägt den Text nicht nur in der deutschen, sondern auch in der arabischen Fassung vor. Obwohl die Schüler im Berufschulzentrum die Worte nicht verstehen, sind sie von der melancholischen, sanften Sprachmelodie gefesselt.

Vom Libanon aus gelangte der Autor zunächst in die DDR, von wo er nach Westberlin ausgewiesen wurde. Zeitweise war er ohne Wohnsitz und schlug sich als Straßenarbeiter durch. Karasholi fand sich in einer Welt wieder, "in der es aufwärts geht, aber nicht vorwärts", wie er es damals empfand. "Lyrik hat mir geholfen, das Fremdsein zu überwinden", erklärt er den interessierten Schülern. Die Gedichte, die er damals auf Arabisch schrieb, halfen ihm bei der Bewältigung seiner Konflikte. Anderen Menschen konnte er sich kaum mitteilen. Es fehlte das Kommunikationsmittel Sprache. Schnell lernte der Syrer Deutsch und begann in der fremden Sprache zu schreiben. Seine ersten Gedichte sind von einfacher Sprache. In "Dialektik" heißt es: "Weil ich dich liebe / liebe ich die Welt". Das Gedicht ist bis heute unveröffentlicht. Dem Autor erschien die Sprache zu simpel. Inzwischen hat er den besonderen Reiz der
Einfachheit dieser Gedichte erkannt. Außer im Berufschulzentrum und im Bildungszentrum Weissacher Tal las Adel Karasholi gestern Abend in der Reihe "Fremd sein..." in Professor Pröpstls Puppentheater in Großaspach, das für die Organisation verantwortlich zeichnet. Acht Chamisso-Preisträger sind in dieser Reihe eingeladen. Die Autorenlesung im Beruflichen Schulzentrum hatte die Leiterin der Schulbibliothek, Christiane Engelmann-Pink, organisiert. "Nicht alle der Autoren wollen an Schulen lesen", weiß sie. Adel Karasholi sagte sofort zu. Er möchte Denkanstöße geben und versichert, dass er selbst auch von dem Gedankenaustausch mit den Jugendlichen profitiert. Und zu einem regen Austausch kommt es nach der Lesung. Die Schüler erkundigen sich nach der Familie des Autors und nach seiner Glaubensrichtung. "Ich bin der Ansicht, dass ich alle Religionen akzeptiere", formuliert der geborene Syrer.
Karasholi plädiert für Toleranz. Ob er vom Schreiben leben kann, will eine Schülerin wissen. "In Deutschland kann man von Lyrik nicht leben", ist die ernüchternde Antwort. Zum Schluss liest der Autor noch aus seinem Gedichtband "Also sprach Abdulla", der 1995 erschienen ist. 14 Jahre lang hat er daran gearbeitet. In der Form lehnt er sich an einen islamischen Mystiker aus dem 10. Jahrhundert an. Abdulla ist eine fiktive Gestalt, eine zweite Stimme, die es ermöglicht, inneren Widerstreit auszutragen. Karasholi führt in den Gedichten Zwiesprache mit sich selbst, mit seinem zweiten Ich. "Und also sprach Abdulla zu mir / Fremde ist zu deiner Rechten / Und zu deiner Linken ist Fremde / Denn du tanzt auf einem Seil..." Es sind schwierige, philosophische Gedichte, merkt der Autor an. Für die jungen Hörer hat er deshalb nur zwei Stücke aus dem Band ausgewählt. Aber man sollte die Schüler nicht
unterschätzen. Man merkt ihnen an, dass sie sich von der Poesie einfangen lassen. "Und er sprach / sage ihr / die du liebst / sie sei schön / Und sie wird schön / nach dem Maß deiner Liebe."
Backnanger Kreiszeitung vom 09.03.2005
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