
Professor Pröpstl spielte "Kasperl und die warme Wollstrumpfhose für Erwachsene"
Aspach- "I möcht amol wieder a Lausbua sei..." In dieser vom schwäbischen Urgestein Werner Veidt erfassten Zeile spiegelt sich die Sehnsucht vieler erwachsen gewordenen Menschen nach der Unbeschwertheit, die eine normal verlaufende Kindheit mit sich bringt. "Lausbua" steht in diesem Fall auch für "Lausmädle".
von Thomas Roth
Wie sonst ist es erklärbar, dass Gregor Oehmanns alias Professor Pröbstls Puppentheater rappelvoll ist, um das Kinder stück "Kasperl und die warme Wollstrumpfhose" zu erleben? Und wie gern viele der Besucher in die Rolle der für das Genre Kasperltheater notwendigen Kinder schlüpfen?
Es hängt in diesem Fall sicher mit der Persönlichkeit Oehmanns zusammen: da begrüßt ein lockerer, natürlicher, schlanker Mittvierziger mit Pferdeschwanz in breitestem Bayrisch die Leute, scheinbar etwas schusselig und linkisch wirkend im Umgang mit dem Mikrofon, das sich Headset nennt: "Wenn's ihr jetzt net alle da wärt, dat i des Ding gar net braucha". Das Warm-up allein schon ist amüsant, und es sich auch "schon alle da". Oehmann erklärt zunächst, wie es sich gehört, die Spielregeln: Leise sein- nicht Nasenbohren- und ab und zu laut rufen...
Also: "jetzt ruft's mal ganz leise Kaaaspeerl." Das Publikum haucht das magische Wort. Doch Oehmann meint, dass das so schon mal gar nicht geht. Also doch lauter, und noch mal lauter und noch mal. Die Vorstellung beginnt. Interessanterweise war das "Kasperlhauchen" viel intensiver als "Kasperlbrüllen". Es sind eben doch Erwachsene im Raum und es ist glücklicherweise ein Unterschied, ob Erwachsene sich wie Kinder geben wollen oder wirklich Kinder das Publikum bilden. Dazu kommt auch der Unterschied der Stimmlagen: wer kann durchdringender, ohrenbetöubender, langanhaltender fordernd laut sein als kleine Kinder?
Das Stück besticht durch relative Sinnfreiheit. Ein Lieblingsspruch des Puppenspielers ist passenderweise: "Immer gescheit ist auch blöd!" Gregor Oehmann beschäftigt sich neben dem Kasperltheater auch mit Bildhauerei und Malerei und ist ein lebenserfahrener, ein in vielen Bereichen sehr gut gebildeter und informierter Mensch. Er besitzt Schlagfertigkeit, ohne unter die Gürtellinie zu gehen. Bei "unqualifizierten" Zwischenrufen kommt dann zum Beispiel: " Ham Sie überhaupt schon Eintritt zahlt?" Oder: "Wos daat denn ihr Psychotherapeut dazu sagn, ha?" Beeindruckend ist überdies sein Tempo und die Wandlungsfähigkeit seiner Stimme. Das reicht von bassig sonor (der König) über nölig. wie der Jochen- bis zum großmütterlichen Timbre. Auch täuscht man sich, würde man glauben, der Künstler beherrschte nur den urbayrischen Dialekt. Auch Schwäbisch und vor allem Hochdeutsch klingen gut. "Da fällt mir doch ein königlicher Stein von meinem royalen Herzen" ist so ein hochdeutscher, sonor gesprochener Satz. Es ist schon eine bizarre Situation an diesem Abend. Doch schafft Oehmann mit seinen selbst gefertigten Puppen eine Atmosphäre, der man sich gar nicht entziehen möchte. Und so singen im Zugabenteil alle noch das moritatenähnliche Lied "Mit der Weißwurscht in der Hand" und gehen, amüsiert über Oehmann, das Stück und hoffentlich sich selbst, Ihrer Wege. "Ond deshalb, net wege dem Blödsinn allei, möchte i mal wieder a Lausbua sei." Oder äba a "Lausmädle", gell?
Backnanger Zeitung 07.04.2009
