Tsveta Sofronieva

Sie schreibt auf Deutsch, weil es sie zähmt

Die aus Bulgarien stammende Schriftstellerin Tzveta Sofronieva las in Professor Pröpstls Puppentheater aus ihren Werken

„Die deutsche Sprache habe ich durch Schreiben gelernt“, sagt die aus Bulgarien stammende Schriftstellerin Tzveta Sofronieva. Die Adelbert-von-Chamisso-Förderpreisträgerin zog das Publikum mit ihrer Poesie und einfühlsamen Erzählweise in Professor Pröpstls Puppentheater ganz in ihren Bann.

Von Claudia Ackermann

ASPACH. Sie schreibt Gedichte, Erzählungen und Essays, spricht fünf Sprachen und publiziert in Deutsch, Bulgarisch und Englisch. „In die deutsche Sprache hat sie sich, 28 Jahre alt, durch Liebe und Einsamkeit gefunden, oder hat die Sprache Tzveta gefunden?“ schreibt sie in einem von ihr literarisch verfassten Lebenslauf.

In Professor Pröpstls Puppentheater las die 1963 in Sofia geborene Autorin aus ihrer Erzählung „Reise in die Einsamkeit“, die von einer Zugfahrt von Berlin nach Stuttgart handelt. Seit 1992 lebt sie in der deutschen Bundeshauptstadt. Als sie gerade drei Jahre lang Deutsch gelernt hatte, erhielt sie ein 6-monatiges Literaturstipendium an der Stuttgarter Akademie Schloss Solitude. Nun ist sie erstmals wieder in die Region zurückgekehrt. Solitude – das bedeutet übersetzt Einsamkeit – und die Autorin spielt in der Erzählung geschickt mit dem Begriff. „So kam ich hungrig zu dem am nächsten zur Einsamkeit gelegenen Bahnhof, so hungrig, wie wahrscheinlich jeder zur Einsamkeit fahrende Mensch hungrig sein muss.“ Weiter heißt es in der Beschreibung über die Landeshauptstadt: „Die geschlossenen Gesichter machten den Eindruck, als ob diese Leute schon längst die Einsamkeit gefunden hätten, und sie nicht mehr zu suchen brauchten.“

Schon früh hat Sofronieva Deutsch geschrieben, obwohl sie der Grammatik noch nicht perfekt mächtig war. Die neue Sprache war eine Herausforderung für sie. Vielleicht ist es gerade ihre Mehrsprachigkeit, die ihren Blick für Wortbedeutungen und Feinheiten einer Sprache schärft. So führt sie zum Begriff „Glück“ aus, dass die Entsprechung für dieses Wort in verschiedenen Sprachen unterschiedlich benutzt wird. Glück wird auch in dem Gedicht „Über das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer, in Kalifornien“ thematisiert, in dem es auf teils humorvolle Weise um Mutterglück geht: „Wunderbar sind die Kinder in dem Alter, in dem sie nicht mehr Nägel kauen.“

Immer wieder ist Sprache ein Thema in ihrer Poesie, wie in dem Gedicht mit dem Titel: „Eine Hand voll Wasser“ aus ihrem gleichnamigen Gedichtband. „Die Sprache ist wie Wasser. Beim Festhalten verliert man sie, im Fließen hat sie Bestand“, heißt es da.

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis wird an Autoren vergeben, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die jedoch besondere Beiträge zur deutschsprachigen Literatur leisten. Nachdem Sofronieva 2009 den Förderpreis erhalten hatte, der mit 7000 Euro dotiert ist, wurde sie aufgefordert, ihre Biografie einzusenden. Dies empfand die Schriftstellerin als „eine der schwierigsten Aufgaben der Welt“. Allein die Fakten zusammenzustellen, etwa, dass sie nach ihrem Diplom in Physik im Jahr 1986, in Wissenschaftsgeschichte promovierte und dann Poesie studierte, erschien ihr nicht aussagekräftig genug. Das Aufschreiben ihres Werdegangs inspirierte sie dazu, auch eine Biografie der ganz anderen Art zu verfassen, die Einblicke in die Hintergründe gewährt. „Sie schreibt auf Deutsch, weil es sie zähmt, und der Widerstand, den sie leisten muss, sehr spannend ist.“

Derzeit arbeitet die Autorin an ihrem ersten Roman.

Nicht immer liest Sofronieva an so kleinen Veranstaltungsorten wie dem ehemaligen Löwen in Großaspach. Im Stuttgarter Renitenztheater war die Preisträgerin gestern bei der Autorenarena zu Gast. Die heimelige Wohnzimmeratmosphäre und Nähe zum Publikum bei Gregor Oehmann hat sie jedoch sehr genossen, und so klang der Abend bei anregenden Gesprächen mit dem Publikum aus. Schade nur, dass das hochkarätige Kulturprogramm, das in Professor Pröpstls Puppentheater geboten wurde, nur so wenig Besucher anlockte.

Backnanger Kreiszeitung vom 09.02.2010