
Klang der Sonne, Stimme der Natur
Der Schamane Nikolay Oorzhak und sein Obertongesang – Tiefe Eindrücke beim Auftritt in Professor Pröpstls Puppentheater.
Khoomei, das ist ein Oberton-Gesang aus dem Süden Sibiriens. Ungewohnt für europäische Hörgewohnheiten und faszinierend zugleich. Im proppenvollen Puppentheater von Professor Pröpstl zog der Schamane Nikolay Oorzhak das Publikum mit seinem Kehlgesang ganz und gar in seinen Bann.
Von Claudia Ackermann
ASPACH. Nur ein einziger Mann singt, und es ist, als Höre man zwei Stimmen. Einen tiefen, langgezogenen, kräftigen, archaisch klingen- den Ton, und dazu helle, fast sphärisch anmutende Klänge, die eine eigenständige Melodie bilden.
Der tuwinische Oberton-Gesang Khoomei ist seit Jahrtausenden Kulturgut der Steppenvölker Südsibiriens. Bei dieser Gesangstechnik werden aus dem Klang-spektrum der Stimme einzel- ne Obertöne so heraus-gefiltert, dass sie als getrennte Töne wahrgenom- men werden und der Hör- eindruck einer Mehrstimmig- keit entsteht.
Nikolay Oorzhak ist ein Meister dieser Kunst. Seine Augen sind geschlossen, es scheint, als befinde er sich in anderen Sphären. Auch das Publikum kann sich der meditativen Wirkung nicht entziehen. Ein Blick durch den Zuschauerraum zeigt, dass fast alle Besucher die Augen geschlossen haben und sich ganz auf das ungewohnte Klangerlebnis einlassen. Mit traditionellen Perkussion- und Saiteninstrumenten wird der Kehlgesang begleitet. Eigentlich waren vier Musiker angekündigt. Bei zwei davon scheiterte es an der Einreisegenehmigung.
So tritt der Meister aus der südsibirischen autonomen Republik Tuwa im Duo mit Dr. Vladislav Matrenitsky aus Kiew auf, der Einblicke in die uralte Gesangskunst gewährt, die sowohl von sibirischen Hirten, als auch von Schamanen, den traditionellen Heilern, praktiziert wird.
Grundgedanke für den Khoomei-Gesang ist das Prinzip der Harmonie mit der Natur. Tierlaute wie das Brummen des Bärs oder Vogelstimmen werden imitiert. Das lautmalerische Rauschen des Windes entführt in die Weite Sibiriens. Als den „Rhythmus des Universums“, den „Klang der Sonne“ und die „Stimme der Natur“ bezeichnet Matrenitsky den Oberton-Gesang: „Unser Körper wird zum Instrument“, sagt der promovierte Mediziner, der den Schamanen Nikolay Oorzhak sowohl instrumental, als auch mit Kehlgesang begleitet. Energieblockaden sollen durch die speziellen Tonfrequenzen aufgelöst werden.
Beeindruckt und bewegt von der Wirkung des Hörerlebnisses ist das Publikum in der Pause. „Schwer zu beschreiben“, sagt ein Gast, „auf angenehme Art sehr beruhigend.“ Eine andere Besucherin beschreibt es als ein Wechselbad der Gefühle. „Einerseits aufwühlend, zum Teil fast aggressiv, und dann wieder voller Ruhe. Als hätte man einen Traum und wäre in eine andere Welt versetzt.“
Manche Stücke haben keinen Text, nur der Kehlgesang steht im Vordergrund. Andere erzählen von Kindheitserinnerungen in Sibirien, von der Mutter, mit der Oorzhak als Junge Hand in Hand zu den Feldern und Tieren ging, oder von einer Liebesgeschichte zwischen einem Schafhirten und einer jungen Hirtin in den Bergen. In einem Kinderschlaflied heißt es: „Lass die Sterne mit Dir spielen ... sie werden Dir ein glückliches Leben zeigen.“ Im Leben glücklich zu sein wünscht der Schamane auch seinem Publikum zum Abschied.
Langanhaltender Applaus begleitet den außergewöhnlichen Sänger aus Sibirien. Nein, da braucht es keine Zugabe – die Besucher in Professor Pröpstls Puppentheater nehmen auch so tiefe Eindrücke über eine berührende Gesangskunst und fremde Kultur mit nach Hause.
Backnanger Kreiszeitung 6.10.2009
