Ulrich Schlumberger

„Denn der Mond ist vollkommen unstehlbar...“

Aspach – Mit einer dramatischen Geschichte aus ihrem noch unveröffentlichten neuen Roman und hinreißenden kurzen Texten, die sie in nur zehn Zeilen fasst, zog die iranisch-deutsche Autorin Sudabeh Mohafez das Publikum in Professor Pröpstls Puppentheater in den Bann.

Ergänzt wurde die Lesung von dem Ausnahmeakkordeonisten Ulrich Schlumberger mit Stücken von John Cage bis hin zu Johann Sebastian Bach. Ein literarischer und musikalischer Genuss unter dem Motto „Musik und Texte – Texte und Musik“.

VON CLAUDIA ACKERMANN

„Im roten Meer“ heißt die Geschichte aus ihrem neuen Roman, der im nächsten Jahr erscheinen wird. Es geht darin um einen Hausbrand, der durch eine Verpuffung ausgelöst wird. „Rauchwürgend hustet das Haus.“ Die Treppe lodert, der Fikusbaum sprüht Funken wie eine Wunderkerze und die Ich-Erzählerin ist mitten in diesem Geschehen. Und es geht um den Feuerwehrmann, der eine Nachbarin aus den Flammen rettet, und den die Protagonistin küssen möchte. Eine Geschichte voller Dramatik und gleichzeitig voller Poesie.

Mit zeitgenössischen Akkordeon-Stücken hatte Ulrich Schlumberger die Lesung eingeleitet. Ebenso dramatisch wie die Geschichte und mit düsteren, bedrohlichen Tönen beginnt das Stück „De Profundis“ und steigt dann auf in melodiöse, heitere Klänge.

Der Konzertakkordeonist ist Preisträger nationaler und internationaler Kammermusikwettbewerbe. Zwischen den Leseparts der Autorin verzaubert er das Publikum mit Stücken wie „Dream“ von John Cage über „Sinfonia 11“ von Johann Sebastian Bach bis hin zu verschiedenen Tangos. Allesamt Stücke, die ursprünglich nicht für Akkordeon geschrieben worden sind.

Sudabeh Mohafez, Adelbert-von-Chamisso-Förderpreisträgerin 2006, erläutert, was es mit ihren Zehnzeilern auf sich hat. Als sie eine Zeit lang in Portugal lebte, hat sie sich diese Literaturform ausgedacht. Sie hatte „ein Kommunikations  bedürfnis nach Deutschland“, berichtet sie und kam auf die Idee, eine „neumodische Errungenschaft“ zu nutzen, nämlich das Weblog 2.0 im Internet. Dort kann man nicht nur Texte einstellen, sondern es besteht auch für Leser die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. So ist ein Austausch über die Texte möglich. Sie stellte sich selbst Regeln auf: die Geschichte muss zehn Zeilen betragen, und sie darf nicht länger als 15 Minuten schreiben. Jeden Morgen schrieb sie eine dieser Geschichten und bekam darauf gute Resonanzen. Für ihr literarisches Weblog „zehn zeilen“ wurde sie 2008 mit dem Isla-Volante-Literaturpreis ausgezeichnet.

Als hochkarätig autobiographisch bezeichnet die 1963 in Teheran geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters den Zehnzeiler mit dem Titel „Offenbarung“. Die Begebenheit hat sich nach einer Lesung am Goethe-Institut in Madrid zugetragen, verrät sie. Ein Mann sagte ihr, sie trinke wohl keinen Alkohol. Und ihr wurde bewusst, dass sich aus ihrem Namen der Ort ihrer Herkunft offenbarte. „Mein Kopftuch, es scheint, ich habe es heute vergessen“ endet der Text, der in Stuttgart lebenden Autorin. Andere Zehnzeiler sind humorvoll, wenn es etwa um die „Untodbarkeit“ der Frau Bremer geht. Wieder andere sehr poetisch, wie der Text „Unmöglich“. Da heißt es: „Denn der Mond ist vollkommen unstehlbar... und ganz und gar genau so verhält sich all das auch mit der Liebe.“

Sudabeh Mohafez, die 1979 aus dem Iran nach West-Berlin kam, beendet die Lesung mit der humorvollen Erzählung „Von wegen Türöffner“ über den Alltag in einem Berliner Hinterhaus, in der es um nach Schweiß und Bier riechende, laute Musik hörende Trunkenbolde mit rechter Gesinnung geht. Matze hat die Ich-Erzählerin auf seine Art ins Herz geschlossen, obwohl sie eigentlich „so etwas wie eine Negerin“ ist. Für diese Kurzgeschichte erhielt sie beim MDR-Literaturpreis 2008 den 1. Preis.

Gerne hätte das Publikum noch mehr von Sudabeh Mohafez gehört, aber leider hatte sie keine Texte mehr dabei. Dafür gab’s eine Zugabe von Ulrich Schlumberger auf dem Akkordeon und für beide Künstler kräftigen Applaus.

Backnanger Kreiszeitung 20.11.2008