Ein Wechselbad an Eindrücken und Gefühlen

Aspach. Mit einem außergewöhnlichen literarischen Experiment waren die Adalbert-von-Chamisso Preisträgerin Sudabeh Mohafez und der Journalist und Autor Tilman Rau in Professor Pröpstls Puppentheater zu Gast. Bei der Premiere ihres Literaturpuzzles stellten sie Kurzgeschichten und sich darauf beziehende  Antwortgeschichten vor. Dieselbe Situation aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Die Besucher im voll besetzen ehemaligen Löwen in Großaspach kamen in einen ganz besonderen, spannenden Literaturgenuss.

VON CLAUDIA ACKERMANN

Die Idee, auf eine Kurzgeschichte eine Antwortgeschichte zu schreiben, hatte die in Stuttgart  lebende Autorin Sudabeh Mohafez, als Tilman Rau, der in diesem Jahr ein Stipendium der Kunststiftung BadenWürttemberg erhalten hat, ihr eine Geschichte zuschickte.

Die Erzählung handelt von einem ersten Kuss, der nicht gerade ein romantisches Erlebnis war. Die Autorin fand die Erzählung "irrsinnig amüsant". Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, verrät Tilman Rau bei der Lesung. Der Ich-Erzähler ist heimlich verliebt in seine Mitschülerin Tanja. Eine Klassenkameradin, Cordula Morlok, durchschaut seine Gefühle. Das burschikose Mädchen, das auf ihn völlig unattraktiv und sogar abstoßend wirkt, bietet ihm an, bei der Eroberung seiner Angebeteten behilflich zu sein. Zunächst müsse er aber erst einmal eines lernen das Küssen . . . Für den Protagonisten der Geschichte war der erste Kuss wohl ein ziemlich unerfreuliches Erlebnis. Der Atem seiner "Lehrerin" roch unangenehm, obwohl sich beide zuvor mit Pfefferminz-Bonbons präpariert hatten. Eine amüsante Geschichte, originell erzählt. Aber was ist eigentlich in Cordula Morloks Gedanken und Gefühlen vor sich gegangen? Die Autorin Sudabeh Mohafez fühlte sich inspiriert, die Situation noch einmal zu schreiben, dieses Mal aus der Sicht des Mädchens, mit dem Titel "Der Versuch". Sie identifiziert sich darin mit einer Außenseiterin, die im Grunde verletzlich und unsicher ist, auf der Suche nach Liebe. Plötzlich erscheint die Figur in ganz neuem Licht.

Nicht nur für das Publikum ist es spannend, die Geschichte von zwei Seiten zu betrachten. Auch für die Autoren ist es ein interessantes Experiment, und Tilman Rau kann sich ein Schmunzeln nicht  verkneifen, als Sudabeh Mohafez ihre Interpretation der von ihm literarisch erschaffenen Figur und Begebenheit vorträgt.

Beim nächsten Geschichtenpaar hat Tilman Rau die Antwortgeschichte geschrieben. In Sudabeh Mohafez Kurzgeschichte geht es um eine Situation in einem Berliner Mietshaus, ebenfalls inspiriert durch eine wahre Begebenheit, viele Jahre hat die gebürtige Iranerin in Berlin gewohnt. Matze, ein grobschlächtiger Kerl, der ständig nach Bier riecht und die Mitbewohner mit lauter Musik tyrannisiert, ist am Ende. Seine Freundin hat Selbstmord begangen. Das Thema Ausländerfeindlichkeit klingt an. "Obwohl sie so etwas wie eine Negerin ist", kann Matze die Ausländerin im Hause eigentlich ganz gut leiden . . . Es war eine Herausforderung, sich in die Figur des Matze hinein zu versetzen, merkt Rau an. Einfühlsam beschreibt er jedoch in seiner Antwort die Ängste des resignierten Menschen, die Träume von einer besseren Zukunft, die er mit seiner verstorbenen Freundin gehegt hatte, und die Angst vor seinen Alpträumen, in denen ihn Katzen mit grauenhaften Haifischzähnen peinigen. Für das Publikum ein Wechselbad an Eindrücken und Gefühlen, eine neue Erfahrung, Literatur zu erleben. Ein Literaturpuzzle aus Einzelteilen, aus denen sich auf spannende Weise ein berührendes, anspruchsvolles neues Gesamtbild ergibt.

 Backnanger Kreiszeitung 31.10.2007