Übertreibungen, Provokationen, Reaktionen

Aspach – An der Live-Musik-Performance „Let’s talk about sex“schieden sich die Geister in Professor Pröpstls Puppentheater in Großaspach. Zwei Künstlerinnen aus Berlin und Stuttgart packten das Thema Sex mit direkter anzüglicher Sprache an. Wer dezente erotische Gedichte mit sanftem Klaviergeklimper erwartet hatte, wurde enttäuscht.

VON HEIDRUN GEHRKE

Zwei Damen mit Glatze im diffusen Scheinwerferlicht, männ- lich und dabei ungemein feminin. Keine festgelegte Identität, andro- gyner Sex-Appeal, das ist ungewohnt. Bridge Markland und Nikola Lutz sind auf den ersten Blick Hingucker und bleiben es viele Augen-Blicke lang. Bildhübsche Gesichter, die Augen mit allen visagistischen Künsten be- tont und schwarz umrandet: Cool irgendwie, eigenartig auch, merkwürdig allemal. Ihre Botschaften kommen klar und deutlich zur Sache: „Erstmal in dieser Welt angekommen, geht alles sehr schnell, es geht nur um Sex.“

Von Verführung, Tabu-Zonen bis zum Striptease werden Register gezogen, um unintim über Intimsphären zu fabulieren. Der Sprachgebrauch von Tanz-Theater-Performance-Künstlerin und Autorin Bridge Markland hat es in sich. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie sich an der Grenze zwischen Pornografie, Erotik, verruchter Kunst und feuchtem Vokabular zu Sätzen versteigt wie „Hier geht’s heftig zur Sache, kuscheln tun wir nicht“.

In den Texten geht es ums Fummeln, Grabschen, um hungrig-zungiges Küssen, Nuckeln, Saugen. Saxofonistin Nikola Lutz begleitet mit lärmig-schrägem Schrammeln, eleganten Harmonien, leisem Summen und krächzend-kehligen Tönen. Nikola Lutz arbeitet als Dozentin für Saxofon an der Musikhochschule Stuttgart und ist als Komponistin in den Bereichen Klanginstallation, experimenteller Klangkunst, Performance und Musiktheater zu erleben – unter anderem im Theaterhaus, im SWR-Orchester und bei den Stuttgarter Philharmonikern. Für die Lesung erotischer Texte illustriert sie musikalisch Bridge Markland beim Eintauchen in die Verwandlungen: Jeder bewundert das Glitzerwesen, das in der Anfangsszene Weintrauben verteilend durchs Publikum tänzelt. Das Saxofon seufzt, man liegt der Schönheit zu Füßen, bis sie sich zu James Browns’ „This is a man’s world“ entblättert und in einem Männerkostüm neu zusammensetzt. Auflösung und Überwindung des Einen und Transformation ins Andere – von Übergängen und Überwindungen handelt vieles, mit dem die zwei Damen wortreich, musikuntermalt, frivol und unzüchtig wedeln wie ein Go-Go-Girl mit der Federboa. Im Glitzerkostüm ist sie Objekt: Mit großen Brüsten, langen Haaren. Nach der Demaskierung hat sie – halbnackt, schuldlos mit Glatze und kleinen Brüsten, die zudem noch bedeckt sind – die Macht. „Trans Gender Performance“ nennt Bridge Markland die Darbietung, in der sie Rolle und Geschlecht wechselt wie Unterwäsche.

Den wirbelnden Tanz um Nacktheit und Sex gestaltet Bridge Markland als Cross-Over: Sie mischt Theater mit Elementen aus Tanz, Entertainment, Travestie, Playback und elektronischen Clubmusikbearbeitungen. Welche Körperteile beim Sex wie angefasst werden – Bridge übertreibt und provoziert streckenweise gehörig.

Das schmeckt einigen nicht. Einige Theatergäste verlassen während der Darbietung den Raum. Ein Zuschauer mosert: „Das hat weder Sinn noch Inhalt.“ Andere ulken, lachen herzhaft, schmunzeln über die Freizügigkeiten, mit der es die Protagonisten in den Texten treiben – ob in der Fantasie oder ganz real, im „Darkroom“ und in der Sauna.

Markland nimmt die Reaktionen mit Erstaunen zur Kenntnis. Sie ist keine Unbekannte, war schon mit einer „Faust“-Interpretation und mit „Love bites“, einer Veranstaltungsreihe des Konkursbuchverlags Claudia Gehrke, zu Gast in Aspach: „Da ist niemand aufgestanden und gegangen.“ Sie vermutet, dass einige Leute mit falschen Erwartungen im Publikum saßen: „Vielleicht dachten sie, dass es ein Abend mit erotischen Gedichten wird.“ „Der Titel war unmissverständlich“, sagt hingegen Veranstalter Gregor Oehmann, der gelassen drübersteht: „Ich fand es gut, dass Kontroversen entstanden sind. Ein bisschen Polarisierung darf ruhig sein.“

Will sie Ekel-Grenzen austesten, wenn sie detailliert beschreibt, wie eine Frau, die ihre Tage hat, im Darkroom unter lauter schwulen Männern Sex mit einem bisexuellen Mann hat? Will sie schockieren und auf Teufel komm’ raus provozieren? „Nein, es geht mir darum, Grenzen bewusst zu überschreiten, um verschiedene Spielarten anklingen zu lassen, um sich mit Sexualität auseinanderzusetzen.“

Backnager Kreiszeitung 10.02.2009