Sehnsucht und Erfüllung sind ihr literarisches Thema 

Aspach - "Fremd sein . . ." hieß die 2005 in Professor Pröpstls Puppentheater veranstaltete Lesereihe mit acht Adelbert-von-Chamisso-Preisträgern. Jetzt wurde die Reihe mit der in Kasachstan geborenen Schriftstellerin Eleonora Hummel fortgesetzt. Die in Dresden lebende Autorin las aus ihrem Romandebüt "Die Fische von Berlin", in dem sie Erfahrungen aus ihrer Kindheit in Russland literarisch verarbeitet hat, und gab Einblicke in die Geschichte ihrer russlanddeutschen Familie. 

 
VON CLAUDIA ACKERMANN

Ihr schriftstellerisches Thema ist die Gegenüberstellung von Sehnsucht und Erfüllung, so die 1970 in Kasachstan geborene Autorin, die im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Familie in die DDR übersiedelte.

In ihrem Roman "Die Fische von Berlin" geht es um eine Familie im Russland der 70er-Jahre. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der jüngsten Tochter. Die Eltern der etwa zehnjährigen Alina sind mit den Vorbereitungen zur Übersiedlung nach Deutschland beschäftigt. Das Mädchen hält sich oft im Hause des Großvaters auf. Eine ungleiche Freundschaft entwickelt sich zwischen dem wortkargen alten Mann und der Enkelin, die den Großvater mit kindlicher Neugier über sein Leben ausfragt.

Die Autorin liest aus dem ersten Kapitel. Da geht es um den schweigsamen, alten Mann, der nach dem Krieg jahrelang verschollen war, mit seiner "seltsamen Leidenschaft fürs Heizen und Angeln", Tätigkeiten, die ohne Worte auskommen. Ein altes Foto, das den Großvater mit einer Gruppe von Männern zeigt, regt die Fantasie des Mädchens an, und ein Taschenmesser, das Alina unter dem Kopfkissen des Großvaters findet, gibt dem wissbegierigen Mädchen Rätsel auf. "Es ist gut gegen seine Krankheit", antwortet die Großmutter auf ihre neugierigen Fragen. Und fügt hinzu: "Ich glaube, seine Krankheit hat keinen Namen."

Alina und die Zuhörer in Professor Pröpstls Puppentheater bleiben zunächst im Ungewissen, was es mit dem Messer für eine Bewandtnis hat. Melancholie ist spürbar in den Erzählungen, und doch beschreibt die Autorin die Geschichte nicht ohne Humor. Alina fühlt sich als Außenseiterin mit ihrem roten Haarschopf in einer Familie von lauter Schwarzhaarigen, und mit ihrem in Russland exotischen Namen Schmidt in der Schule unter russischen Kindern. Zum Glück kann sie ja, wenn sie 18 Jahre alt ist, ihre Haare färben und heiraten, tröstet sie sich. Es ist die Erzählperspektive aus der naiven Sicht eines Kindes, die den besonderen Reiz ausmacht. Nach und nach öffnet sich der Großvater den neugierigen Fragen seiner Enkelin, und die Zuhörer im ehemaligen Löwen in Großaspach erfahren mehr über das Leben des alten Mannes. Bei einem Angelausflug kann Alina von dem widerstrebenden Großvater Näheres über das alte Foto, das in Sibirien aufgenommen wurde, erfahren. "Jeder Winter verging, meiner dauerte elf Jahre . . ." Es war beim Fischen in einem See bei Berlin, als sie kamen, die "Männer in schwarzen Ledermänteln". Auch das Geheimnis, was es mit der Krankheit und dem Taschenmesser unter dem Kopfkissen auf sich hat, kann das Mädchen dem Großvater entlocken. Nach und nach bröckelt die Mauer des Schweigens.

Die Wurzeln der in Dresden lebenden Autorin liegen in Baden-Württemberg, berichtet sie über ihre Familie. Vor Generationen sind ihre Vorfahren nach Russland ausgewandert. Ihre Großmutter, bei der sie die ersten drei Jahre aufwuchs, sprach noch schwäbisch mit ihr. Aber daran kann sie sich kaum noch erinnern, nur an einzelne schwäbische Worte, die ihr Vater gelegentlich benutzte. Sie wuchs mit der russischen Sprache auf und musste, als sie im Alter von zwölf Jahren in die DDR übersiedelte, Deutsch erst lernen. So wie sie sich in Kasachstan manchmal als Außenseiterin fühlte, war sie auch in der DDR eine Fremde. Deutschland war das Ziel der Sehnsucht. Doch was geschieht, wenn Sehnsüchte in Erfüllung gehen? In dem Roman "Die Fische von Berlin" begibt sie sich auf die Suche nach der eigenen Identität.

Backnanger Kreiszeitung 26.09.2007