Bewährte klassische Kompositionen

Anne Czichowsky und Lorenzo Petrocca als Gäste der Großaspacher Kleinkunstbühne von Professor Pröpstl

ASPACH. Statt am Fernsehen der Fußball-WM entgegenzufiebern oder der zukünftigen Popära beim Eurovision Song Contest zu widmen, fand sich am Samstag eine stattliche Zahl Kulturbeflissener in Professor Pröpstls Puppentheater ein, um sich einen Auszug der großen Jazz-Standard-Historie anzuhören. Interpretiert wurden die Kompositionen von der Stuttgarter Sängerin Anne Czichowsky und dem schon seit 1979 in Deutschland lebenden süditalienischen Gitarristen Lorenzo Petrocca.

Eröffnet wurde das Konzert mit „It could happen to you“, gefolgt von dem Bossa Nova „Solitude“ und dem unter Jazzmusikern „liebevoll umbenannten“ (A. Czichowsky) Standard „Klaus, deine Augen“ – „Close your eyes“, um nur eines der vielen im Jazzjargon üblichen Wortspiele zu nennen, die die Sängerin dem Publikum zum Besten gab.


Außerdem erklärte Anne Czichowsky ihren Zuhörern, dass sie ihre Stücke danach aussucht, ob sie der Text anspricht oder nicht. Der Titel „Photography“ von einem der bekanntesten brasilianischen Bossa-Nova-Komponisten, A. C. Jobim, bot da wohl ein Beispiel von der Vorliebe der Interpretin.

Was die Interpretation der durchweg bewährten klassischen Kompositionen im Jazzbereich anbelangt, so genoss sie stets den gleichen Aufbau: Thema- und Textvorstellung durch Czichowsky, Chorus der selbigen in ihrer individuellen Scatsprache (teilweise sehr schnelle Aneinanderreihung von Lauten und Silben oder eventuelle Instrumentennachahmung), dann Soloübernahme des bis dahin begleitenden Petrocca mit jeweiliger Improvisation, und dann zum Schluss wieder Thema zu zweit. Bei diesem Aufbau konnte man ab und an – so in „Billie’s Bounce“ von Charlie Parker – im mittleren improvisatorischen Teil einen virtuos verspielten Dialog verfolgen, der wohl – laut Czichowsky – dem Naturell beider Musiker auch im privaten Bereich entspricht. Sicherlich haben sich in dieser reduzierten Form des Duos zwei gute Musiker mit ähnlicher Improvisations- und Phrasierungstechnik gefunden, denen es Spaß macht, an bekannten Themen entlang damit zu kommunizieren. Funktionieren kann dieses aber nur bedingt, vor allem, wenn der Gitarrist vom harmonisch-metrischen Solo zum melodiös-linearen Chorus übergeht: spätestens hier fällt einem das Fehlen der restlichen Rhythmusgruppe doch sehr auf, und nur das sehr geschulte Jazzohr kann sich wenigstens einen Spaß daraus machen, sich Basslinie und rhythmische Harmonik selbst dazuzudenken. Alles eine Frage der Zeit, wie lange das gut geht, wenn Musiker und voll zahlendes Publikum bei budgetlosen Veranstaltern zu solch musikalischen Abstrichen gezwungen werden. Hier schien alles noch in bester Ordnung: Das Publikum lauschte aufmerksam einem Programm, das heutzutage die vielleicht fragliche Rolle der Hintergrund-Dinner-Musik angenommen hat, die Musiker genossen den kleinen Raum und den Sichtkontakt mit dem Publikum (und die nur durch zwei zu teilende Gage) und bedankten sich beim Veranstalter mit „If I should loose you“ für den gemütlichen Ort. Der Veranstalter seinerseits zeigte sich zufrieden mit der Besucherzahl und würdigte die Bereitschaft der Musiker, bei ihm „auf Eintritt“, das heißt auf Risiko zu spielen. Nach der Pause konnten die Besucher dann noch Jobim, Parker, die nicht fehlen dürfende „Night in Tunesia“ von Gillespie, „In a mellow tone“ von Ellington, „I wish you love“ von Nat King Cole zum Abschluss und „Estate“ auf Italienisch als Zugabe erleben.bschluss und „Estate“ auf Italienisch als Zugabe erleben.

Backnanger Kreizeitung vom 01.06.2010